Točnik: Ein Bärengehege unter der Burg für Agatha und Martin.

Das ist die Burg Točnik. Sie liegt etwa auf halber Strecke zwischen Pilsen und Prag. Die Burg wurde im 14. Jh. vom böhmischen König Wenzel IV. errichtet und in den folgenden Jahrhunderten im Stil der Renaissance umgebaut. Wie man auf dem Foto sieht liegt sie oben auf einem Bergrücken, von wo der Burgherr einen weiten Blick über die Umgebung hatte. Leider liegt der Parkplatz der Burg am Rand des kleinen Ortes Točnik und wenn man sie besuchen möchte, muss man noch einige Höhenmeter überwinden.

Vermutlich hätten wir uns mit einem Blick von unten begnügt und stattdessen die Ruine der Burg Žebrák besichtigt, die mitten im Ort liegt, wenn es neben dem Interesse an historischen Gebäuden nicht noch einen weiteren Grund für unseren Besuch gegeben hätte und so machten wir uns auf dem Weg nach oben, bei sommerlichen Temperaturen eine schweißtreibende Angelegenheit. Immerhin gab es am Rand des Weges eine Weide, wo im Schatten von Kirschbäumen Ziegen und Schafe weideten und junge Hängebauchschweine durchs Gras streiften, während ihre Mutter im Schatten einer Scheune schlief. Es gab also genug zum Schauen. Und oben angekommen konnten wir dann auch den Vater der Ferkel bewundern, nebst einer Katze und zwei selbstbewussten Gänsen.

Ich war auf die Burgruine aufmerksam gemacht worden durch die Sendungen „Paula und die wilden Bären“, die von ARD und dem Bayrischen Rundfunk im Jahr 2013 für das Kinderprogramm produziert wurden, und vor kurzem am Samstagvormittag in der ARD wiederholt wurde. In vier Folgen wird die Geschichte von zwei Braunbärenjungtieren, die von Vaclav „Vasek“ Chaloupek, einem in der Tschechischen Republik bekannten Tierfotografen und Tierfilmer, aufgezogen wurden, erzählt. Mittlerweile habe ich noch eine zweite Dokumentation über diese Aufzucht gefunden, die im Bayrischen Rundfunk unter dem Titel „Bärengeschwister“ gesendet wurde.

Paulas erste Folge berichtet am Anfang, dass im Januar 2013 in den Karpaten an der Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei eine Braunbärin tot aufgefunden worden sei, wahrscheinlich von Wilderern erschossen. Spuren der Bärin im Schnee hätten zu einer Felshöhle geführt, in der man die beiden Jungtiere gefunden habe. Man habe sie zu Vaclav Chaloupek gebracht, der schon mehrfach verwaiste Braunbären aufgezogen hat. Trotz seiner Erfahrung sei es für den Tierfilmer eine aufregende Zeit gewesen, die er filmisch dokumentierte. Auch verschiedenen Artikeln im Internet zu den beiden Dokumentationen wird mehr oder weniger diese Geschichte erzählt. In der Serie „Paula und die wilden Bären“, wurden die jungen Braunbären Lili und Ben getauft, tatsächlich heißen sie aber Agatha und Martin und auch sonst scheint die TV Version nicht zu stimmen.

Mir hatte die Dokumentation gut gefallen und ich war neugierig geworden, wie das Zuhause der Bärengeschwister wohl aussieht, auch weil in der TV Serie informiert wurde, wie eine Braunbärenanlage gestaltet sein sollte, die den Bedürfnissen ihrer Bewohner gerecht wird.

Die Bärenanlage liegt unterhalb der Burg Točnik und entlang des Weges, der zu dem Gehege mit Agatha und Martin führt, informieren mehrere Tafeln zum Beispiel über Bären im allgemeinen, Braunbären, die Bärenhaltung in Točnik und über Agathas und Martins Geschichte. Nachdem ich mir den Text nach unseren Besuch – mit Hilfe von Google – teilweise übersetzt hatte, wurde ich stutzig. Denn hier wurde ein Geburtsdatum der beiden Bären erwähnt und das passte nicht zu der Geschichte von den aus der Wildnis gerettet Jungtieren. Wenn man genauer auch in tschechischen Online Medien recherchiert, erfährt man, dass Agatha und Martin am 13. Januar 2013 bei einem privaten Züchter geboren wurden und sie wohl deshalb bei Vaclav Chaloupek gelandet sind, weil dieser eine Anfrage von einer deutschen Produktionsfirma über eine Dokumentation von der Aufzucht von Bärenjungen hatte. Er hatte sich auch bereits vor der Geburt der kleinen Bären, um ein Zuhause bemüht, wo sie einmal unterkommen konnten, wenn sie zu groß für ihn geworden waren. Als feststand, dass Agatha und Martin mit nicht ganz einem Jahr nach Točnik kommen sollten, wurde dort von einem örtlichen Bürgerverein sofort Geld gesammelt und mit dem Umbau der Bärenanlage begonnen. Sie konnte vollendet werden, weil viele Freiwillige mitgeholfen haben und lokale Unternehmen, bei dem Bau auf einen Teil, der ihnen zustehenden Bezahlung, verzichtet haben. Der Verein finanziert auch weiterhin den Unterhalt und die Pflege der Bären aus Spenden und dem Geld von Sponsoren.

Vaclav Chaloupek hatte bereits vor einigen Jahren zwei Dokumentationen über die Aufzucht von Braunbärenjungtieren für das tschechische Fernsehen gedreht, die auch dort in erster Linie für Kinder gedacht waren. Sie wurden im Rahmen von Sendungen mit dem Titel „Gutenacht-Geschichten“ gezeigt. Die ersten Braunbären, die er 2000 aufzog, hießen Vojta, Kuba und Matej. Sie kamen ins Medvědárium von Beroun, wo Kuba und Matej noch leben, Vojta starb 2016. 2003 waren Honzík (John) und Eliška (Elisabeth) die Stars der Dokumentation, sie leben nun im Zoo von Pilsen zusammen mit anderen Braunbären in einer großen, sehr guten Anlage.

Foto: Medvědi na hrad

Es sieht also so aus, als ob die Geschichte, die mich neugierig auf die Braunbärengeschwister gemacht hat, nicht ganz so nett ist, wie sie im deutschen Fernsehen dargestellt wurde, und es durchaus Anlass für Kritik gibt. Aber egal was nun die wahre Geschichte ist, sie hat ein Happy End. Agatha und Martin geht es gut und sie haben ein Zuhause bekommen, dass ihren Bedürfnissen gerecht wird. Mittlerweile sind aus den beiden niedlichen Bärenkindern zwei stattliche Braunbären geworden und sie leben seit November 2013 im Bärengehege der Burg Točnik, das extra für sie vergrößert und modernisiert wurde.

Jarda, Foto: Andrea Borovská‎,  Medvědi na hrad

Seit 1994 leben Braunbären direkt unter der Burg. Die beiden ersten Bewohner hießen Babeta und Norbert, zwei ehemalige Zirkusbären, die nach dem plötzlichen Unfalltod des Zirkusbesitzers zusammen mit vier weiteren Bären zunächst notdürftig im Hirschgraben der Prager Burg untergebracht worden waren. Der damalige Präsident der Tschechischen Republik Václav Havel setzte sich persönlich dafür ein, dass ein geeigneteres Zuhause für die Braunbären gefunden wurde. Zwei Bären kamen zum Schloss Horšovský Týn, zwei weitere, Ludvik und Dasa, nach einem Zwischenaufenthalt im Zoo von Dvur Kralove in den ehemaligen Wassergraben von Schloss Náchod, wo ein neues Gehege für sie errichtet worden war, und Babeta und Norbert ins eilig errichtete Bärengehege der Burg Točnik. Der männliche Braunbär Norbert starb 1995. Doch Babeta erhielt bald einen neuen Gefährten. Jarda kam aus dem Zoo Hluboká nach Točnik. In Hluboká nad Vltavou hatte man keinen Platz für Jarda, der ein Abkömmling eines Bärenpaars war, das einmal dem rumänischen Diktator Nicolay Ceausescu gehört hatte. Da das Bärengehege sehr hastig erbaut worden war, musste man 2003-2004 etliche Reparatur- und Umbaumaßnahmen durchführen. Unter anderem musste das Gehege eingeebnet werden, da Babeta, die an einem Glaukom litt, den Weg zu den fünf Meter höher gelegenen Innengehegen nicht mehr fand. Die Bären bekamen ein Wasserbecken und konnten mehr Sonnenlicht genießen, da ihr Gehege nun nicht mehr vollständig im Schatten lag. Babeta starb im September 2005. Damit Jardu nicht allein blieb kam aus dem Zoo Pilsen, die 28 Jahre alte Braunbärin Mista nach Točnik. Nach Mistas Tod 2008 blieb Jardu allein. Als auch er 2011 starb blieb das Braunbärengehege unter der Burg zunächst leer.

Man sieht einigen Gittern und auch dem Wasserbecken noch an, dass nicht alles an dem Bärengehege neu errichtet wurde, aber die beiden Braunbären haben nun viel Platz, Versteckmöglichkeiten zwischen Steinen und herumliegenden Baumstämmen. Sie finden Schattenplätze unter Bäumen oder können sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Sie können im Erdreich buddeln und, wenn sie lieber drinnen sein wollen, sich jederzeit in die Innengehege zurückziehen. Wir konnten bei unserem Besuch beobachten, dass es beiden gut geht und besonders Agatha das Wasserbecken zu nutzen weiß. Letzteres könnte ruhig ein bisschen größer sein, vielleicht ein Vorschlag für die nächste Renovierungsmaßnahme.

Agtha in Aktion

Martin macht sich einen gemütlichen Tag.

Wer für Agatha und Martin spenden will, findet hier das Spendenkonto.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_To%C4%8Dn%C3%ADk

http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/sendung-1600322.html

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/welt-der-tiere/baeren-aufzucht-tschechien-108.html

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/natur-exclusiv/baeren-junge-aufzucht-100.html

http://www.br.de/mediathek/video/paulasblog-baerengeschwister-100.html

http://www.tocnik.com/?Zvirena%3AMedvedi

Facebookseite Medvedi na Hrad

http://www.blesk.cz/clanek/celebrity-ceske-celebrity/214977/medvedi-mama-vaclav-chaloupek-s-chlupaci-puvodne-uz-tocit-nechtel.html

https://www.novinky.cz/zena/styl/307079-vaclav-chaloupek-materske-pudy-mam-rozvinute.html

http://www.blesk.cz/clanek/celebrity-ceske-celebrity/386918/zemrel-hrdina-vecernicku-vaclava-chaloupka-medved-vojta-zkolaboval-pri-koupani.html

http://www.ahaonline.cz/clanek/musite-vedet/50377/honzik-a-eliska-z-vecernicku-basti-jako-o-zivot-pripravujeme-se-na-zimni-spanek.html

https://www.i60.cz/clanek/detail/4229/krest-martina-a-agaty-hvezd-medvedich-vecernicku

https://www.zamek-nachod.cz/cs/medvedarium

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