Antwerpen: Ein Zoobesuch bildet

Krallenfrösche: Vom Schwangerschaftstest bis zum Gewässerschutz

Eine der wichtigen Aufgaben moderner Zoogärten ist die Bildung. Nun geht die Mehrheit der Menschen aber nicht in einen Zoo, um etwas zu lernen. Es geht ihnen vermutlich eher darum, einen schönen Tag draußen in der Natur zu verbringen und Tiere aus fremden Länder zu erleben, ein bisschen Exotik im Alltag und viele Zoos bieten ihren Besuchern auch die passende Kulisse dazu. Manchmal macht man mit einem Zoobesuch quasi eine kleine Weltreise. Das heißt aber nicht, dass ein Zoobesucher nicht auch etwas lernen kann. Manchmal findet man auf einem Informationsschild gleich eine ganze Lektion über Biologie, Geschichte und Artenschutz.

Mir ist es jedenfalls bei einem Besuch im Reptilienhaus des Zoos Antwerpen so ergangen. Amphibien gehören eigentlich nicht unbedingt zu meinen Lieblingstieren, obwohl ich weiß, dass 30 % der Amphibienarten vom Aussterben bedroht sind – auch etwas, das ich bei einem Zoobesuch gelernt habe. Darum schenke ich ihnen bei meinen Zoobesuchen meist nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten. So verdanke ich es eher dem kühlen Wetter im letzten Oktober, dass wir uns genauer im Reptilienhaus umgeschaut haben und mir dabei das Schild ins Auge gefallen ist.

Es informierte mich, dass die eigenartigen Wesen, die da in dem Aquarium schwammen, Glatte Krallenfrösche waren. Den Rest der Information gab es leider nur auf Niederländisch. Nun wurde ich nicht weit von der niederländischen Grenze geboren und lebe immer noch in meinem Geburtsort. Deshalb konnte ich mindestens im Groben verstehen, was da geschrieben stand, in jedem Fall genug, um neugierig zu werden und mehr darüber erfahren zu wollen. Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis ich dazu gekommen bin nachzulesen, aber vergessen habe ich es nicht. (So ein Foto war in diesem Fall auch eine gute Gedankenstütze.)

Der Glatte Krallenfrosch ist eine von 16 Arten der Krallenfrösche. Sein natürliches Verbreitungsgebiet liegt ursprünglich in Afrika südlich der Sahara. Man nennt den Frosch auch Apothekerfrosch, weil mit seiner Hilfe bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts auch in deutschen Apotheken Schwangerschaftstest durchgeführt wurden. 1930 entdeckte der englische Forscher Lancelot Hogben, dass das Weibchen des südafrikanischen Krallenfrosches, Xenopus laevis, schon sechs Stunden nach Einspritzung von Schwangerenurin durch reichliche Eiablage, durch Laichen, reagiert.

Doch es sollte bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg dauern, bis die Wissenschaft sich intensiver damit beschäftigte, wie man die Frösche für einen Schwangerschaftstest nutzen konnte. Das Verfahren wurde nach seinem Entdecker Hogben-Test genannt. Als Folge stieg die Nachfrage nach Krallenfröschen an und bedrohte die Existenz dieser Amphibien in Südafrika. Daraufhin stellte die Südafrikanische Union die Ausfuhr von Krallenfröschen unter staatliche Kontrolle.

Foto: Ben Rschr

Foto: Ben Rschr

Im Nachkriegsdeutschland beschäftigt sich das „Mikroskopisch-biologische Institut“ in Bad Nauheim mit dem Krallenfrosch und seinen Reaktionen. Doch es herrschte Mangel an den biologischen Schwangerschaftstestern. Der damalige Leiter des Instituts Dr. Ernst Ludwig Koch wurde schließlich im Hamburger Aquarium fündig, das seine Krallenfrösche über den Krieg gerettet und Aufzugsmethoden entwickelt hatte. Mit den von dort erhaltenen Exemplaren züchtet er weiter und hatte schließlich einen Bestand von 650 Krallenfröschen. Doch dann musste er feststellen, dass seine Frösche nicht auf das Urin der Schwangeren reagierten. Vermutlich lag das an einem Fehler bei der Ernährung der Tiere.

Dr. Koch plante schon teure Krallenfrösche aus Südafrika einzuführen, als aus der Frankfurter Universitätsfrauenklinik gemeldet wurde, dass sich auch die deutsche Krötenart, Bufo vulgaris, für einen Schwangerschaftstest eignet, eine Nachricht, die dem Spiegel 1949 einen Artikel wert war. Heute hat man Tests, die das Schwangerschaftshormon HCG mit biochemische Methoden nachweisen, und Frösche und Kröten haben ausgedient. Krallenfrösche dienen aber heute noch als Modellorganismen in der entwicklungsphysiologischen Lehre und Forschung.

Eigentlich wäre die Geschichte hier zu Ende, wenn es da nicht noch einen weiteren Aspekt gäbe. Aufgrund ihrer jahrzehntelangen Verwendung als Labortier und im Zoohandel konnten sich die Tiere durch die Unachtsamkeit des Menschen auf vier Kontinenten verbreiten, meist weil die Frösche einfach ausgesetzt wurden. Es gibt zum Beispiel etablierte Xenopus laevis Populationen in Chile, im Süden der USA, in Indonesien und auch in vier europäischen Ländern – Frankreich, Portugal, Italien und England. Nach Studien, die in Sizilien, Frankreich und Portugal durchgeführt wurden, gefährden sie einheimische Amphibien- und Fischarten. Außerdem stehen sie im Verdacht maßgeblich an der Übertragung von Krankheiten beteiligt zu sein, inklusive des Amphibien-Chytrid Pilzes, einem der Hauptursachen für das globale Amphibiensterben.

Wieder was gelernt! Ohne das Informationsschild im Zoo Antwerpen wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich für Krallenfrösche zu interessieren und ob ich mir eine Dokumentation über sie angeschaut hätte, ist auch ziemlich fraglich. Doch durch den Zoobesuch neugierig geworden, habe ich auch ein Video entdeckt, das sogar noch von einem weiteren interessanten Kapitel über Krallenfrösche berichtet. Sie sind nämlich nicht nur eine Plage für die Umwelt, sondern können vielleicht sogar bei ihrem Schutz helfen. Männliche Afrikanische Krallenfrösche verlernen das Quaken, wenn sie in hormonhaltigem Wasser schwimmen. Deshalb können sie als Testorganismen für Gewässeruntersuchungen eingesetzt werden.

Quellen:

Spiegel vom 25.08.1949: Frösche machen sich verdient

MUVS: Der Froschtest

Wikipedia: Krallenfrosch

Wikipedia: Lancelot Hogben

DFG: Invasionsbiologie von Xenopus laevis in Europa: Ökologie, Impakt und prädiktive Modelle

VDZ: Krallenfrösche

Terraria: Unbekannte Eindringlinge: Der Afrikanische Krallenfrosch in Europa

W-wie Wissen: Frösche schlagen Hormonalarm

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