Living Coasts: Unter dem „Haarnetz“

6. September 2016

20160906-aa-331-aDie Bewohner von Torquay nennen die große Voliere, die die Living Coasts überspannt, liebevoll „das Haarnetz“. Man kann sie schon von weitem sehen, ein markantes Zeichen an der neuen Seafront des Hafens des englischen Seebads. Der kleine Tierpark liegt am Beacon Quay, einen Ort, an dem sich 1680 eine Werft befand. 1857 zu Lebzeiten von Queen Viktoria, als Torquay das Urlaubsdomizil für die Reichen und Schönen Europas war, wurde an dieser Stelle das Marine Spa gebaut, ein architektonisches Schmuckstück mit Ballsaal, Konzertsaal, privaten Bädern und einem öffentlichen Schwimmbad, das zum Meer hin offen war. Das Marine Spa überlebte den II. Weltkrieg, kam aber in die Jahre und verlor an Attraktivität. Als im Juli 1971 ein Kind in dem Schwimmbad tödlich verunglückte, war dies auch das Ende des viktorianischen Gebäudes. Es wurde abgerissen und an seiner Stelle Coral Island, ein Freizeit- und Vergnügungszentrum, errichtet. Es sollte an Capri erinnern und man hoffte an die glorreichen Anfangsjahre des Vorgängerbaus anknüpfen zu können. Doch das misslang gründlich. Der für die 70 Jahre typische Bau im Betonlook wirkte schnell altmodisch und die Gäste blieben aus, so musste es bereits 1988 schließen. Das Gebäude verfiel und entwickelte sich zum Schandfleck der Hafenansicht von Torquay, ein Symbol für den Niedergang des englischen Seebads. Man diskutierte viele Pläne, aber es sollte mehr als 10 Jahre dauern, bis darüber entschieden wurde, was mit dem Grundstück geschehen sollte. 1999 wurde Coral Island abgerissen und man begann mit dem Bau des Tierparks Living Coasts. Dabei war auch dieses Projekt keineswegs unumstritten. Anwohner äußerten: „Wenn Sie ein Pinguin gesehen haben, haben Sie sie alle gesehen“, und ein anderer meinte: „Die meisten Vögel sehen gleich aus. Wenn ich eine Möwe sehen will, gibt es hier jede Menge, für die ich keinen Eintritt bezahlen muss, um sie zu sehen.“

Foto: Derek Harper

Foto: Derek Harper

Am 14. Juli 2003 wurden die Living Coasts eröffnet. Großbritanniens einziger Zoo, der den Küstenbewohner gewidmet ist, gehört dem Paignton Zoo als Teil des Whitley Wildlife Conservation Trust, der auch den Zoo von Newquay betreibt. Anlass für den Bau des Tierparks war der 80. Geburtstag des Paignton Zoos. Man machte sich selbst und den Menschen an der Torbay ein Geschenk, das 7 Mio. Pfund (10,2 Mio Pfund) kostete. Die ersten Jahre des Tierparks waren ein Erfolg – heute besuchen jedes Jahr rund 100.000 Menschen den Zoo – auch wenn nicht alles ohne Probleme ablief. Der kleine Tierpark steht ein bisschen im Schatten des Paignton Zoos, dabei ist er mehr als nur der kleine Bruder des größeren Tierparks. Wirtschaftliche Probleme in Großbritannien setzten ihm zu und auch das Wetter meinte es nicht immer gut mit ihm. Man musste zwar bisher nur ein einziges Mal wegen zu starkem Wind schließen, aber schon einige Male schwappten die Wellen bis in die Eingangshalle. Die liegt unten direkt am Quai und wir waren pünktlich da, als die Kassen gerade aufmachten.

20160906-aa-206Es war gut, dass wir so früh angekommen waren, denn so konnten wir noch einen Parkplatz in der Nähe erwischen. Ein Manko der Living Coasts ist, dass der Tierpark über keinen eigenen Parkplatz verfügt.

Hinter den Kassen führt eine Treppe hinauf in die Voliere, die das Dach des Gebäudes bedeckt. Drinnen sind unter anderem die Technik für die Wasseraufbereitung, Büros, ein Restaurant, das Aquarium des Zoos und ein Zooshop untergebracht. Die Voliere ist 22 m hoch und umfasst ein Volumen von 51.000 m³. 35 Masten, zwischen 2 m und 22 m hoch, tragen das Netz, das eine Fläche von etwas mehr als 5.500 m² überspannt. Die Stürme an der Küste und die UV Strahlung der Sonne setzten dem Netz aus Polyethylen zu, sodass im Jahr 2016 Teile erneuert werden musste. Die Voliere ist durch 3 interne Trennnetze in verschiedene Anlagen unterteilt.

Den größten Teil des Zoogebäudes unter der Voliere nimmt die Wasseraufbereitungsanlage ein. In einem riesigen achteckigen Tank, einem sogenannten Abschäumer (Skimmer), werden organische Verunreinigungen durch mit Ozon angereicherten Blasen entfernt in einem Prozess, den man Eiweißabschäumung nennt. Dieser Abschäumer hat die Höhe eines zweistöckigen Haus und ist mehr als 5 Meter breit. 17 Millionen Liter Meerwasser aus der Bucht werden von zwei 55 kW Pumpen durch die miteinander verbundenen Salzwasserbecken umgewälzt. Das geschlossene System bewältigt 825.000 Liter pro Stunde, was bedeutet, dass das Wasser in den Becken 12 mal an jedem Tag gereinigt wird. Was als Abfall übrigbleibt – Fischabfällen und Ausscheidungen der Tiere – wird verdünnt und 24 Stunden einer UV-Sterilisation ausgesetzt, um schädliche Bakterien abzutöten. Man ist stolz darauf, dass das Wasser, was man in die Bucht zurück gibt, sauberer ist, als es war, bevor man es entnommen hatte.

20160906-aa-7Bevor es nach draußen ging, landeten wir in einem Raum, in dem mit Plakaten, Wandgemälden und einem Animationsfilm die Geschichte des Riesenalks erzählt wird, der im 19. Jh. ausgestorben ist. Die Brutgebiete der flugunfähigen Vögel lagen auf den Inseln des Nordatlantiks, die größten vor der Küste Neufundlands. Zunächst plünderten hungrige Matrosen die kanadischen Nistplätze. Im 18. Jh. als immer mehr von den Inseln von Menschen besiedelt wurden, erschlugen diese die Vögel mit Knüppeln und blanchierten sie, um ihre Daunen zu gewinnen. Die Knochen wurden als Brennstoff benutzt. Die auf dem Land unbeholfenen Riesenalke waren eine leichte Beute. Bereits 1785 warnte der englische Offizier George Cartwright, der Neufundland und Labrador erforschte, vor dem Aussterben der Art. 1808 wurde das letzte Exemplar auf den Färöern gesichtet. Nachdem ein Vulkanausbruch den Geirfuglasker (Riesenalk Felsen) vor Island zerstört hatte, war nur noch ein Brutplatz der Riesenalken übriggeblieben – auf Eldey, einer kleinen Felseninsel vor Island. Endgültig vernichtet wurden die Vögel durch Ornithologen und Vogelbalgsammler, die unbedingt ein Exemplar in ihrer Sammlung besitzen wollten. So besiegelten ihre Seltenheit und die damit verbundenen hohen Preise für Sammlerexemplare das Aussterben des Riesenalks. Am Morgen des 3. Juni 1844 wurden die letzten beiden brütenden Exemplare von Jón Brandsson und Sigurður Ísleifsson erwürgt und das letzte Ei von Ketill Ketilson zertreten. Die Bälge wurden an einen dänischen Sammler verkauft. Es gab keine „Pinguine des Nordens“ mehr.

Lithographie von John Gerrard Keulemans, 1842-1912

Riesenalken, Lithographie von John Gerrard Keulemans, 1842-1912

Dahinter erlaubt eine Glaswand einen Unterwasser-Blick in das Wasserbecken, der Alkenvögel. Tauchende Trottellummen und Schopflunde, scheinbar von einem silbern schimmernden Schutzschicht umgeben tauchten pfeilschnell vor der Scheine auf und verschwanden wieder im dunklen Wasser – leider nahezu unfotografierbar, weil die Scheiben zu verschmutzt waren.

Das Video Steven Underhill zeigt, wie es bei einer sauberen Scheibe ausgesehen hätte.

Damit es den Brillenpinguinen, deren Vertreter draußen in der ersten Anlage unseres Zoo Rundgangs auf uns warteten, nicht genauso ergeht wie den Riesenalken, unterstützt Living Coasts die südafrikanische Organisation SANCCOB finanziell. SANCCOB (Southern African Foundation for the Conservation of Coastal Birds)  setzt sich seit Gründung der Organisation 1963 für den Schutz und die Rettung der Seevögel Südafrikas ein. Einer ihrer Schwerpunkte ist der Erhalt der Brillenpinguine, deren Bestand in der Wildnis seit 1956 um 90 % zurückgegangen ist. Die Organisation kümmert sich um Pinguine mit durch Öl verschmutzten Gefieder, sammelt zurückgelassene Eier ein, brütet sie aus und zieht diese und verlassene Jungvögel auf.

In Torquay hat sich die Zahl der Brillenpinguine, die in der Kolonie des Zoos leben, seit der Eröffnung 2003 mehr als verdoppelt. 50 Pinguine zogen vom Paignton Zoo in die Penguin Beach der Living Coasts, heute sind es über 100. Das Design des Geheges wurde inspiriert von der Küste Südafrikas und besonders von Boulders Beach, einem Strandabschnitt auf der Kap-Halbinsel südlich von Kapstadt, wo eine große Kolonie von Brillenpinguinen lebt. Neben den Brillenpinguinen wird sie von Goldschopfpinguinen, Plüschkopf- und Prachteiderenten bevölkert. Der Luftraum über der sandigen mit Felsbrocken und einigen Kunstfelsen gestalteten Anlage gehört Inkaseeschwalben. Die ungewöhnlichsten Bewohner sind Küstenscharben, die in Europa nur in den Living Coasts gehalten werden.

Die Küstenscharbe gehört zur Familie der Kormorane. Sie besiedelt in der Natur die westafrikanische Küste von Namibia bis Südafrika. Küstenscharben brüten in Kolonien und ernähren sich hauptsächlich von Fischen und Langusten. Die Art ist „stark gefährdet“ (endangered), da ihre Brutplätze zunehmend wegen des Abbaus von Guano zerstört werden und ihre Beutetiere überfischt sind. Es gibt nur etwa 30 Brutkolonien, ihr Bestand ist von 7600 Brutpaaren im Jahr 1980 auf 2600 Brutpaare im Jahr 2006 gesunken.

Für diese Art setzt sich der Zoo aktiv auch in situ ein. Regelmäßig unterstützen Mitarbeiter des Paignton Zoos und der Living Coasts die Arbeit in Südafrika in einem persönlichen Einsatz. 2015 reiste die Cheftierpflegerin von Living Coasts, Lois Rowell, nach Südafrika um SANCCOB auch praktisch bei der Aufzucht von Küstenscharben zu helfen. In mehreren Blogebeiträgen berichtet sie von ihren Erfahrungen. Das Bank Cormorant Project von SANCCOB, das auch von der Stiftung Artenschutz unterstützt wird, hat u. a. das Ziel die Wiederauswilderung von in Menschenobhut aufgezogenen Küstenscharben zu optimieren. Mit Hilfe der Fördergelder, die von Living Coasts und dem Whitley Wildlife Conservation Trust zur Verfügung gestellt wurden, konnte z. B. ein spezieller Brutschrank und ein Inkubator erworben werden.

Die beiden männlichen Küstenscharben, die in der Living Coasts leben, wurden als verlassene Küken in Südafrika gerettet und aufgezogen. Ein Versuch in Jahr 2009 Eier von Küstenscharben im Paignton Zoo auszubrüten und die Küken aufzuziehen scheiterte. Nur eine weibliche Küstenscharbe wurde erwachsen, starb aber unerwartet, als sie schon mit den beiden Vögeln in Living Coasts vergesellschaftet worden war.

Als wir ankamen, fand gerade die Fütterung der Brillenpinguine statt. Die Vögel zeigten sich dabei recht wählerisch und ließen einen Teil der Fische auf den Boden fallen, dort blieben sie unbeachtet liegen. Die Tierpflegerin erklärte, dass ihre Pinguine Feinschmecker seien, die nur die Fische akzeptierten, die ihnen auch groß und schmackhaft genug erschienen. Am Ende der Fütterung wurden die verschmähten Exemplare wieder eingesammelt.

Begleitet wurde das „Penguin breakfast“ (Pinguin Frühstück) von einem interessanten und lehrreichen Vortrag. Wussten Sie, dass Pinguine, die niesen, überschüssiges Salz ausscheiden? Auch Pinguine müssen Flüssigkeit zu sich nehmen. Wenn es vorhanden ist, trinken Pinguine Süßwasser oder fressen Schnee. Aber sie können  – anders als Menschen – ihren Flüssigkeitsbedarf auch mit Salzwasser decken. Sie verfügen – wie andere Seevögel auch – über spezielle Salzdrüsen, die oberhalb der Augen sitzen. Durch einen Zentralkanal gelangt das überschüssige Salz in die Nase und wird dort ausgeschieden. Ich wusste das nicht. Ganz klar Zoobesuche bilden.

Bei unserem Besuch im September war ein Teil der Pinguine in der Mauser. Besonders die Goldschopfpinguine sahen teilweise sehr „zuppelig “ aus. Die Plüschkopf- und Prachteiderenten trugen ihr Schlichtkleid.

Bei einer so großen Pinguin Kolonie gab es eine Menge zu beobachten. Da wurde ein junger Brillenpinguin von einem Elterntier gefüttert, dort zankten sich ein Goldschopfpinguin, der in der Natur in Südamerika zuhause ist, mit einem seiner „Kollegen“, die in der Wildnis in Afrika leben. Junge Inkaseeschwalben riefen laut nach ihren Eltern, die wohl der Meinung waren, der Nachwuchs sei nun groß genug, um sich selber Futter zu suchen, und eine Küstenscharbe posierte auf dem Schild vor der Kunstfelsen-Klippe, das über sie informierte. Natürlich verfügt die Penguin Beach auch über ein tiefes Wasserbecken für die Bewohner, das mit Salzwasser gefüllt ist und – wie die anderen Salzwasserbecken des Tierparks auch – mit einer Wellenmaschine ausgestattet ist. Die Unterwasserscheiben, zu denen man am Ende des Rundgangs gelangt, wurden gerade von Tauchern gereinigt, überwacht von einigen der Pinguinen.

Anders als bei dem Küstenscharben ist man in dem Zoo in Torquay bei der Zucht der Plüschkopfenten recht erfolgreich. Mehr als 20 Küken schlüpften in den vergangenen Jahren hier und wurden aufgezogen. Man kann diese Aufgabe allerdings nicht ihren Eltern überlassen, da die Meerenten das Gehege mit den Pinguinen teilen. Diese sind sehr neugierig und könnten die Eier kaputtmachen. Deshalb werden die Eier im Brutschrank ausgebrütet, dann kommen die Küken, in einen abgetrennten Bereich des Pinguingeheges, wo sie die anderen Vögel sehen können, bis sie groß genug sind, dass sie gefahrlos mit ihnen zusammenleben können.

Mehr Bilder von Penguin Beach

Die zweite Anlage auf unserem Rundgang war Auk Cliff – der Alkenfelsen der Living Coasts, wo Trottellummen und Gelbschopflunde zu sehen sind. Außerdem findet man in dieser Anlage beide Rissa-Arten: die Dreizehenmöwe, deren kurze Beine dunkelgrau bis schwarz sind, und die Klippenmöwe mit korallenroten Beine und Füßen. Die Living Coasts sind der einzige Zoo in Europa, der Klippenmöwen und Gelbschopflunde hält.

Dreizehenmöwe heißen auf Englisch Kittiwake. Dieser Namen verdanken sie ihrem typischen lauten Rufen „Kitti wah aak, Kitti wah aak, …“. Sie brüten zahlreich an den Felsküsten und Klippen der Meere der Nordhalbkugel. In Großbritannien findet man sie an den felsigen Klippen Schottlands und an der Küste Northumberlands und Yorkshires. Ihr Bestand hat in den letzten 100 Jahren stark zugenommen und ist nicht gefährdet.

Anders sieht es bei den Klippenmöwen aus. Klippenmöwen haben nur ein sehr kleines Verbreitungsgebiet. Die Art kommt ausschließlich am Beringmeer vor. Sie brüten ausschließlich auf den zu Alaska gehörenden Bogoslof-Inseln, den Pribilof-Inseln und der Buldir-Insel sowie  auf den russischen Kommandeurinseln. Seit den siebziger Jahren ist der Bestand brütender Paare stark zurückgegangen. Deshalb stuft die IUCN sie als gefährdet (vulnerable) ein. Die beiden Arten der Gattung Rissa sind die einzigen Möwen, die ihre Nester an steilen Felsklippen bauen.

Am Auk Cliff bewohnen die kleinen Möwen das oberste Stockwerk und wir mussten ihnen schon ganz genau auf die Beine schauen, um die beiden Arten unterscheiden zu können.

Trottelummen und Dreizehenmöwen auf den Farn Islands

Die unteren Stockwerke gehören den  Trottellummen und ihrem Nachwuchs. Obwohl wir schon oft Trottellummen an Vogelfelsen in der Natur beobachtet hatten, war es ein ganz neues Erlebnis, junge Lummen aus der Nähe und in Ruhe beobachten zu können. In der Natur ist es oft schwierig gerade die Küken genauer zu beobachten, selbst wenn man wie z.B. auf den Farn Islands verhältnismäßig nahe an die Vogelfelsen herankommt. Die Nester mit den Küken sind meist in der Mitte der Kolonie und die Elternvögel schützen ihren Nachwuchs mit ihren Körpern. Wenn sie ungefähr drei Wochen alt sind, springen sie von den Klippen ins Meer, dort werden sie noch etwa zwei Monate von ihren Vätern begleitet und gefüttert. Man hat also in der Natur nur selten die Chance sich junge Trottellummen genau anzuschauen. Die Vögel hier im Zoo sind an Menschen gewöhnt und fühlen sich nicht durch die Zoobesucher gestört.

So fielen mir Details auf, von denen ich schon gelesen hatte, die ich aber noch nie so deutlich sehen konnte. Die Jungvögel sind anders als die erwachsenen Lummen, die am Kopf dunkel gefärbt sind, hinter den Augen und an der Kehle weiß mit einem schwarzen Strich hinter den Augen. Diesen Strich kann man als eine Vertiefung auch noch im dunklen Gefieder der Altvögel erkennen. Einige Trottellummen hatten längere Schnäbel, das war mir vorher noch nie aufgefallen. Erst später habe ich herausgefunden, dass dies die männlichen Vögel waren. Es ist der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern. Ein erwachsener Vogel füttern einen Jungvogel. Dabei hielt er den Fisch längs im Schnabel. So verhalten sich auch die Tiere in der Natur. Sie verstecken so den Fisch vor ihren Brutnachbarn. Während sie füttern, spreizen sie die Flügel, damit der Fisch nicht vom Vogel nebenan geklaut wird.

Eine Tafel gegenüber des Vogelkliffs, das einem natürlichen Vogelfelsen nachempfunden ist, informiert die Zoobesucher über das Leben der Trottellummen und Tordalken auf einem Felsvorsprung.

Mehr Fotos vom Auk Cliff

Anlage Nummer Drei heißt Waders Estuary und beherbergt, wie der Name verrät, zahlreiche Watvögel. Vom Besucherweg blickt man auf ein ruhiges flaches Wasserbecken hinter dem eine sandige mit unterschiedlichen Gräsern bewachsene Fläche liegt. Der erste Vogel, den wir sahen, war eine Krickente, die es sich auf dem Geländer gemütlich gemacht hatte, das den Besucherweg vom Bereich der Vögel abtrennt. Es ist das Zuhause von Austernfischer, Säbelschnäbler, Amerikanischer Stelzenläufer, Kampfläufer und Rotschenkel. Und auch die Inkasseeschwalben fühlen sich hier wohl. Informationstafeln auf dem Geländer stellen die verschiedenen Zonen vor, in denen die Watvögel ihre Nahrung finden: Wattenmeer und Sandstrände.

Im Dezember 2015 wurde ein Regenbrachvogel, der verletzt an einer Straße in Cornwall aufgefunden worden war, in die Wohngemeinschaft des Waders Estuary aufgenommen. Mehrere Knochen des rechten Flügels waren gebrochen und die rechte Flügelspitze musste amputiert werden. Es war klar, dass man ihn nicht mehr in die Freiheit entlassen konnte, weil er nicht mehr fliegen konnte.

Mehr Fotos vom Waders Estuary

Das Gehege mit der besten Aussicht auf die Bucht – Otter Rapids (Otter Stromschnellen) – gehört den Kurzkrallenottern, Willy und Wilby. Es waren ursprünglich einmal drei Otter, aber Wilger, der Bruder von Wilby, musste im August in einen anderen Zoo umziehen, weil es zu ein bisschen Zoff im Ottergehege gekommen war. Bei unserem Besuch war wieder alles friedlich. Willy und Wilbert lagen auf einer Plattform aus Bambusstangen in der Sonne. Ihr Gehege ist sehr abwechslungsreich gestaltet mit unterschiedlichen Böden in verschiedenen Höhen und Wasserbecken mit verschiedener Tiefe.

Mehr Fotos von den Otter Rapids.

Die heimische Fauna wird in den Living Coasts auch nicht vergessen. Es gibt ein Insektenhotel und Nistkästen für einheimische Vögel, für die das Netz der kein Hindernis darstellt. Für sie wurde auch nicht an einem Informationsschild gespart. Eine weitere Tafel erinnert die Zoobesucher daran, welchen Einfluss ihr Verhalten auf die Natur gerade an der Küste hat.

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Ein paar Schritte weiter waren wir dann Fur Seal Cove, der letzten Anlage der großen Voliere. Sie ist das Zuhause von Karel, Grace, Tunanta und Gemini, den vier Südamerikanischen Seebären des Zoos. Karel wurde 23. Juni 2003 geboren – entweder im Aquazoo Leeuwarden oder bei Hagenbeck im Hamburg.  Er lebte von 2005 bis 2013 in einer Junggesellen WG im Bergzoo Halle. Das Weibchen Grace ist zwei Jahre älter als Karel und kam im Bristol Zoo zur Welt. Tunatas Geburtstag ist der 7. Juni 2006. Sie ist der erste Seebär, der in Living Coasts geboren wurde. Sie ist eine besonders verspielte Robbe, die an den Unterwassersichtfenstern gerne mit den Zoobesuchern spielt.

Seit kurzem macht ihr das jüngste Mitglied der Robbenfamilie dabei Konkurrenz. Gemini ist die Tochter von Grace und Karel und wurde am 3. Juni 2014 geboren. Ihre Mutter Grace hatte keine Milch und deshalb musste Gemini von den Tierpflegern aufgezogen werden. Im Januar 2015 war es dann soweit, Gemini fraß feste Nahrung, hatte schwimmen gelernt  und konnte zu den anderen Seebären zurückkehren. Mittlerweile ist sie ein vollwertiges Familienmitglied.

Die Seebärenanlage besteht aus zwei 3 m tiefen Becken, die über einen Schieber unter Wasser miteinander verbunden sind. Durch das größere der beiden Becken führt ein Glastunnel für die Zoobesucher. An Land gibt es für die Robben in beiden Becken Liegeflächen auf drei Kunstfelseninseln.

Foto: Living Coasts

Foto: Living Coasts

Mehr Fotos vom Fur Seal Cove

Nun ging es wieder hinein in das Gebäude zum Aquarium, das 2009 eröffnet wurde. Es beherbergt 195 Tiere aus 36 Arten, darunter 19 Fischarten, die in insgesamt 21 Aquarienbecken leben. Die Aquarien sind in drei thematische Bereiche eingeteilt. Die Tierwelt der „Local Coasts“, Tiere die in der Bucht vor dem Zoo zuhause sind, werden z. B. durch  Seenadeln, Hummer oder Seesterne repräsentiert. Ein zweiter Bereich ist den Fischen der „Mysterious Mangroves“ gewidmet – Stachelrochen, Schützen- und Argusfische.

Der Tierpark hält Blaupunktrochen, die typischen Bewohner von Korallenriffen. Dort verstecken sie sich scheuen Stachelrochen gerne in den weiche Sandböden in Strandnähe und so kommt es ab und zu zu unangenehmen Begegnungen zwischen Mensch und Tier. Bedrängt verteidigen sich die Blaupunktrochen mit ihren Giftstacheln. Normalerweise ist der Stich nicht tödlich aber sehr schmerzhaft. Auch im Aquarium der Living Coasts haben die Rochen einen sandigen Boden. Die Tierpfleger unterscheiden sie am Muster ihrer Flecken. Eigentlich sind die Rochen neugierig und gar nicht angriffslustig, trotzdem waren die Tierpfleger sehr vorsichtig, als Anfang 2016 drei  Blaupunktrochen nach Belgien transportiert wurden. Zwei davon waren für den Zoo Antwerpen bestimmt, einer schwimmt jetzt in Pairi Daiza. Eine Reise, die sehr sorgfältig vorbereitet werden musste. Die Rochen wurden in speziellen Fischtranportbeuteln transportiert, die mit Salzwasser gefüllt waren, dem Sauerstoff zugefügt wurde. Dreifach eingepackt kamen diese Beutel in einen Polystyrol-Transportkoffer mit Wärme-Pads im Boden, um die Wassertemperatur konstant zu halten.  Der Zoo in Torquay züchtet erfolgreich diese Tierart und immer wieder treten von hier aus Rochen die Reise zu anderen Zoos in Europa an.

Foto: Warwick Conway

Foto: Warwick Conway

Außerdem findet man hier die Octopus Odyssey drei Aquarienbecken mit einer Krake, Rotfeuer- und Weißflecken-Kugelfischen.  Selbstverständlich hat auch dieser Tierpark seinen Kraken der Schlagzeilen gemacht hat. Da Kraken nicht besonders alt werden, ist die kluge Ursula, über die die Medien auch bei uns berichteten, mittlerweile gestorben. Sie konnte Einmachgläser, Plastikdosen und sogar ein Unterwasserkameragehäuse innerhalb von Sekunden öffnen. Ob ihr Nachfolger genauso geschickt ist, konnten wir nicht überprüfen, weil er sich nicht sehen ließ.

Mehr Fotos vom Aquarium.

Das Highlight des Rundgangs wartete am Ende des Rundgangs: der Glastunnel durch das Seebärenbecken und wandhohe Fenster, durch die man die Robben und die Pinguine unter Wasser beobachten kann. Eine der weiblichen Seebären ließ sich an der Scheibe sehen und sich von den Menschen auf der anderen Seite zu allerlei Kapriolen animieren. Vielleicht war es Gemini.

Bei den Pinguinen wurde noch die Scheiben geputzt. Der Taucher wurde gerade fertig und nahm sich Zeit ein kleines Mädchen zu begrüßen, während drei Pinguine um ihn herum schwammen.

20160906-aa-327Der kleine Zoo setzt sich besonders für den Umweltschutz ein. Er zeigt zum Beispiel in einem Raum eine Ausstellung, die auf die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll aufmerksam macht, und fordert die Besucher auf, bei ihrem Einkauf auf Plastikbeutel zu verzichten.

Man beteiligt sich an lokalen Aktionen, die sich für den Schutz der Umwelt an der Küste und die Forschung engagieren. Die Community Seagrass Initiative (CSI) ist eine dieser Aktionen.

Seegraswiesen sind eine Pflanzengesellschaft  auf Sandböden im Meer oder im Wattenmeer. Man findet sie hauptsächlich im flachen Wasser entlang der Küste. Sie sind die grünen Lungen der Meere und bieten Schutz und Nahrung für eine Vielzahl von Kleinstlebewesen, Fischen, Meeressäugern und Vögeln. Viele Seegraswiesen sind aufgrund menschlicher Aktivitäten verloren gegangen. Die CSI erforscht die Seegraswiesen entlang der Küste im Südwesten Englands von Looe in Cornwall bis Weymouth in Dorset und informiert über ihre Bedeutung für das Leben im Meer.

Auch ganz praktisch wird für den Erhalt der Umwelt gearbeitet. Jedes Jahr organisiert Living Coasts die Reinigung eines Küstenabschnitts im Rahmen des „Great British Beach Clean“, der entlang der gesamten Küste Großbritanniens durchgeführt wird. 2016 sammelt 38 Freiwillige über 30 Kilogramm Abfall allein am Beacon Cove ein. Zur Belohnung gab es ein Eis auf der Terrasse des Zoorestaurants.

Foto: Henry Burrows

Foto: Henry Burrows

Da setzten wir uns zum Abschluss unseres Besuches ebenfalls hin mit einer Tasse Kaffee und einem leckeren Sandwich. Man hat von hier aus einen weiten Blick auf die Bucht. Draußen auf einem Felsen saßen Kormorane – eine Spezies deren Bestandszahlen sich aufgrund von Schutzmaßnahmen in den letzten Jahren erholt haben und die nicht mehr als gefährdet gilt. Es wäre zu wünschen, dass es mit Hilfe der Living Coasts gelingt, dies auch für die Küstenscharbe zu erreichen.

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Der Tierpark Living Coasts ist ein ungewöhnlicher, mit viel Liebe zum Detail gestalteter Tierpark, der trotz seiner geringen Größe einem interessierten Besucher viel bietet. Man muss sich allerdings die Zeit nehmen, die besonderen Tierarten, die hier gezeigt werden, auch zu entdecken.

Quellen:

http://www.livingcoasts.org.uk/

http://wearesouthdevon.com/torquays-coral-island-like-part-capri/

https://sanccob.co.za/

http://news.bbc.co.uk/local/devon/hi/people_and_places/nature/newsid_9039000/9039960.stm

http://www.bbc.co.uk/devon/family_friendly/living_coasts.shtml

http://www.national-aquarium.co.uk/press-release/the-community-seagrass-initiative-travelling-exhibit-makes-its-first-stop-in-torquay-at-living-coasts/

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/pinguine-des-nordens/448840.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Riesenalk

https://de.wikipedia.org/wiki/Brillenpinguin

http://www.pinguine.net/pinguinlexikon/ernaehrung/trinken

http://www.stiftung-artenschutz.de/projekte/sanccob/

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCstenscharbe

https://de.wikipedia.org/wiki/Dreizehenm%C3%B6we

https://de.wikipedia.org/wiki/Klippenm%C3%B6we

https://de.wikipedia.org/wiki/Trottellumme

https://de.wikipedia.org/wiki/Blaupunktrochen

http://www.focus.de/wissen/diverses/tiere-schlauer-oktopus-aquarium-sucht-neue-aufgaben-fuer-ursula_id_4905154.html

https://www.architecture.com/FindAnArchitect/ArchitectPractices/KayElliott/Projects/LivingCoasts-57955.aspx

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