Paignton Zoo: Geschichten von den Mantelpavianen

In vielen Tiergärten in Europa findet man Mantelpaviane. In Deutschland werden sie in 20 Tiergärten gehalten, in Großbritannien gibt es sie allerdings nur in fünf zoologischen Einrichtungen. Eine davon ist der Paignton Zoo.

Wie die meisten Mantelpaviananlagen ist auch das Gehege im Paignton Zoo wie ein Affenfelsen gestaltet, der sich hier über einem tiefen trockenen Graben erhebt, den die Paviane auch nutzen. Die Anlage ist über 500 m² groß und der Pavianfelsen ist vom Boden des Grabens gemessen 13 m hoch. Der Zoobesucher hat über eine Brüstung von zwei Seiten Einblick in die Anlage.

Meist unterscheidet man sechs Pavianarten: den Anubispavian (Papio anubis), der im nördlichen Äquatorialafrika (Mali bis Äthiopien und nördliches Tansania) zuhause ist, den Gelben Pavian (Papio cynocephalus), der im südliches Äquatorialafrika (Angola bis Somalia und Mozambique) lebt, den Bärenpavian (Papio ursinus), dessen Verbreitungsgebiet das südliche Afrika (Angola bis Südafrika) ist, den Guineapavian (Papio papio), mit dem Lebensraum in Westafrika (Senegal, Gambia, Guinea), den Kindapavian (Papio kindae), der in einem Streifen von Angola bis nach Tansania im Osten vorkommt, und den Mantelpavian (Papio hamadryas), den man in Ostafrika und Arabien (Äthiopien, Somalia, Saudi-Arabien, Jemen) findet.

Einige Autoren betrachten allerdings sämtliche Populationen als Unterarten des Mantelpavians (Papio hamadryas) und des Gelben Pavians (Papio cynocephalus). Selbst Untersuchungen der mitochondrialen DNA konnten bisher keinen abschließenden Befund über Arten oder Unterarten ergeben. Bis auf den Bärenpavian und den Kindapavian kann man  die restlichen Pavianarten in europäischen Zoos finden.

Mit Ausnahme des Guineapavian werden alle Pavian Arten in der Roten Liste gefährdeter Arten als nicht gefährdet aufgeführt. Guineapaviane gelten als potenziell gefährdet, da ihr Lebensraum schrumpft, weil immer mehr Flächen in ihrem Verbreitungsgebiet landwirtschaftlich genutzt werden. Wenn man nur den Artenschutz ins Auge fast, gibt es also eigentlich keinen Grund gerade Mantelpaviane zu halten. Einige Zoos haben deshalb auch ihre Haltung auf Guineapaviane oder andere Affenarten umgestellt. Aber es gibt trotzdem Gründe an der Haltung von Mantelpavianen festzuhalten. Sie haben ein besonders interessantes Sozialverhalten und es ist immer spannend sie zu beobachten.

Mantelpaviane wurden von dem Schweizer Biologen Hans Kummer und seinen Mitarbeitern in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts intensiv erforscht. Die Forscher stellten ein mehrschichtiges Sozialsystem fest. Die Basisgruppe besteht aus einem Männchen mit einem Harem aus einem bis zu zehn Weibchen und deren Jungen.  Das Männchen hindert die Weibchen seines Harems daran, die Gruppe zu verlassen, durch oft nur angedeutetes aggressives Verhalten. Die Nachkommen verlassen allerdings die Geburtsgruppe in der Regel schon vor der Geschlechtsreife. Die jungen Männchen schließen sich dann manchmal zu temporären Junggesellengruppen zusammen. Mehrere 1-Männchen-Gruppen bilden einen Klan – aus vermutlich miteinander verwandten Männchen. Mehrere Klans schließen sich zu einer Bande und mehrere Banden dann zu einer Herde zusammen, die aus bis zu 750 Mitgliedern bestehen kann. Die Pavianherden verbringen die Nächte gemeinsam auf demselben Schlaffelsen, Banden gehen gemeinsam auf Nahrungssuche, spalten sich tagsüber in ihre Untereinheiten auf und treffen sich dann gegen Mittag an einer Wasserstelle wieder.

Als einzigen Paviane leben Mantelpaviane  auch in trockenen Wüstengebieten und Dornbuschsavannen. Hierin liegt wahrscheinlich auch der Grund für die im Vergleich zu Savannenpavianen komplexe Sozialstruktur. In dem kargen Habitat der Affen muss die Nahrung in einem großen Gebiet gesucht werden. Sie kann nur in anstrengenden Tagesmärschen in ausreichender Menge gefunden werden. Die Gruppen bieten Schutz, ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben spart Energie, die für das Überleben gebraucht wird.

In den Zoos haben sie im Vergleich dazu ein luxuriöses Leben. Kummer, der seine Mantelpavianstudien 1955 im Zürcher Zoo im Rahmen seiner Diplomarbeit begonnen hatte, beobachtet dort soziale Taktiken der Tiere, zu denen die freilebenden Artgenossen keine Zeit haben. Kummer schloss daraus, dass die Tiere in der reichen unnatürlichen Umgebung ein variantenreicheres Sozialverhalten entwickelten, das in einem kargen Habitat ausdörre. Er stand kritisch der Auswilderung von in Menschenobhut geborenen Tieren gegenüber: „Tiere gefangenzuhalten bedeutet Verantwortung, sie freizulassen ebenfalls. Oder würden Sie gerne mit ein paar Steinwerkzeugen in der Eiszeitlandschaft unserer Vorfahren ausgesetzt? In Ihren herrlichen, natürlichen, angestammten Lebensraum…?“

In Paignton bevölkert eine Bande von etwa 50 Individuen den Pavianfelsen mit mehreren Männchen, die je einen Harem anführen. Einer dieser Familiengruppen wird auf einem Schild am Gehege vorgestellt. Das dominante Männchen heißt Ben und wurde 1998 im Paignton Zoo geboren. Seine Weibchen heißen Nik, Pumpkin, Left Eye und Mystery. Sie kamen auch alle hier zur Welt und haben selbst auch schon Nachwuchs geboren.

Wenn man ein bisschen im Internet recherchiert findet man einige Anekdoten über die Pavianbande des Paignton Zoos.

gollum

Foto: BBC News

So machte Anfang Oktober 2005 ein drei Wochen altes Pavianjungtier namens Reggie Schlagzeilen. BBC berichtet auf seinen Internetseiten, dass seine Mutter ihm fast alle Haare ausgezupft hatte. Sie meinte es mit der Körperpflege wohl ein bisschen zu gut. Der Zoo beruhigte, dass der kleine Affe gesund sei und die Haare wieder wachsen würden und seine Tierpfleger überlegten, ob sie in nicht in Gollum umbenennen sollten. Die kurze Geschichte brachte dann prompt PETA auf den Plan, die einen Zuchtstopp für Paigntons Paviane forderten, was der Paignton Zoo selbstverständlich zurückwies. Hans Kummer hätte PETA vermutlich geantwortet, dass den Pavianen in der Wildnis einfach die Zeit fehlt, ihre Jungtiere zu sehr zu umsorgen.

Bei unserem Besuch gab es jedenfalls keine Jungtiere mit kahlen Gesichtern.

Im Dezember 2014 half ein Song der Bee Gees gleich zweimal an einem Nachmittag das Leben vom Pavianweibchen Aunt Bessie zu retten. Das vier Jahre alte Weibchen war plötzlich zusammengebrochen. Tierpfleger, die den Auftrag hatten, Mantelpavian Houdini mit einem verletzten Schwanz einzufangen, damit er behandelt werden konnte, hatten den Vorfall beobachtet, bargen das bewusstlose Tier und brachten es in das Tierarztzentrum. Während die leitende Tierärztin des Paignton Zoo Environmental Park, Ghislaine Sayers, sie untersuchte und feststellte, dass es zu dünn und dehydriert war, setzte sein Herzschlag aus. Den Bee Gees Song „Staying Alive“ im Kopf, gelang es ihr mit etwa Adrenalin und einer Herzmassage im richtigen Rhythmus Aunt Bessie wiederzubeleben. „Die Herzfrequenz eines Pavian entspricht ungefähr dem eines jungen Menschen – die British Heart Foundation verwendet in einem TV-Spot den Song, weil es eine gute Vorgabe für die Rate der Herzdruckmassage ist, selbst für ausgebildete Fachkräfte!“

Aunt Bessie bekam eine Infusion und Antibiotika und man hoffte, dass sie sich nun bald erholen würde. Doch da setzte ihr Herz ein zweites Mal aus. Beherzt setzte die Tierärztin ein weiteres Mal Adrenalin ein und wendete erneut die Herzdruckmassage an. Getreu dem Text des Songs wollte sie unbedingt, dass Aunt Bessie am Leben blieb – „staying alive“. „An diesem Punkt beginnt man sich zu fragen, ob alles, was man tut, überhaupt einen Unterschied macht, aber man muss es immer wieder versuchen, solange man glaubt, dass es noch eine Chance gibt.“ Etwa eine Stunde nach ihrer Ankunft schlug das Herz des Weibchens wieder kräftig und regelmäßig.

Zusammen mit Houdini blieb Aunt Bessie einige Tage in einem Gehege im Tierarztzentrum und bekam eine besondere Betreuung mit viel zusätzlichem Essen, damit die untergewichtige Affendame zunahm. Als die beiden zu den anderen Pavianen zurückkehrten, wurde Houdini von seinem Vater Ben freundlich empfangen und Aunt Bessie, mit der der junge Affe nun befreundet war, von Ben gleich in seinen Harem eingegliedert. Aunt Bessie war vorher ein rangniederes Weibchen ohne Familie Gruppe gewesen. Also begann das Jahr für die Paviane, die Tierpfleger und die Tierärztin mit einem richtigen Happy End.

Foto: Paignton Zoo

Foto: Paignton Zoo

Die neueste Geschichte stammt aus dem Oktober 2015. Die Mantelpaviane hatten Besenköpfe als Enrichment bekommen. Liz Chisholm, eine freiwillige Helferin des Zoos, hatte beobachtet, wie einige der jungen Paviane mit den Besen den Boden fegten, vielleicht weil sie die Tierpfleger nachahmten. Da fiel ihr ein älteres Pavianweibchen auf, das sich die Bürste ganz genau ansah, einzelne Borsten aus einer Bürste herauszupfte und dann begann damit seine Zähne zu säubern. Sie benutzte die Borsten wie Zahnseide und pflegte systematisch ihre Zähne oben und unten.

Für den Säugetierkurator des Zoos, Neil Bemment, war das nichts Ungewöhnliches. Er erklärte: „Das Weibchen heißt Georgia und ja, sie nutzt es wie Zahnseide in der Art, wie sie es zwischen den Zähnen hin- und herbewegt, entweder um Essensreste zu entfernen oder weil sie das Gefühl mag. Eine Reihe von Schopfmakaken machen es auch.“

Interessant wäre nun, was der Experte von PETA wohl zu diesem Verhalten zu sagen hätte. Eines ist allerdings in diesem Fall sicher, so ein Verhalten kommt auch in der Natur vor. Makaken in Thailand sind dafür bekannt, dass sie Stränge menschlichen Haares als Zahnseide verwenden. Vielleicht werden demnächst im Paignton Zoo stilbewusste Paviane nach Mundwasser und Feuchtigkeitscreme fragen.

Der Paignton Zoo entwickelte sich aus der privaten Tiersammlung des Millionärs Herbert Whitley. Er wurde 1923 für die Öffentlichkeit geöffnet. Herbert glaubte fest daran, dass ein Zoo der Bildung und nicht nur der Unterhaltung dienen sollte. Nach seinem Tod wurde der Whitley Wildlife Conservation Trust gegründet, der den Zoo heute besitzt und betreibt. Außerdem setzt er sich für zahlreiche Naturschutzprogramme überall in der Welt ein. Der Zoo hieß bei seiner Gründung Torbay Zoological Gardens. Nach zahlreichen Namensänderungen im Laufe der Jahre nennt er sich seit 1996 Paignton Zoo Environmental Park, als Zeichen dafür, dass er sich aktiv für den Umweltschutz einsetzt und auch seine Besucher auffordert darüber nachzudenken, wie sie selbst zum Erhalt der Natur beitragen können.  Im Zoo leben über 2000 Tiere aus mehr als 250 Arten.

Mehr Bilder gibt es hier:

https://www.flickr.com/photos/ullij/albums/72157673888774892

Quellen:

http://www.iucnredlist.org/details/16018/0

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/paviane/49799

http://www.ngzh.ch/archiv/1994_139/139_4/139_40.pdf

http://www.spektrum.de/magazin/weisse-affen-am-roten-meer-das-soziale-leben-der-wuestenpaviane/821777

Bildaltlas der Primaten

Zoo Animals: Behaviour, Management, and Welfare

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/devon/4334440.stm

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/devon/4376396.stm

http://www.torquayheraldexpress.co.uk/bee-gees-helped-save-paignton-zoo-baboon-bessie-s/story-25907582-detail/story.html

http://www.paigntonzoo.org.uk/explore/news/detail/zoo-baboons-take-dental-care-seriously

http://www.paigntonzoo.org.uk/about-us/our-history

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